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​Produktwerbung

This song is by Ulrich Roski and appears on the compact cassette Schwoche sprach zu seiner Schwochen ... (1986).

Spoken prose:

Also, ick will Ihnen mal was sagen: Der Einzelhandel ist nicht tot, der ist überhaupt nicht tot zu
Kriegen. Der Einzelhandel lebt. Er lebt, aber er steht auf dem Schlauch. Man muss sich dauernd was
Einfallen lassen. Produktwerbung, sag ich immer, Produktwerbung hart am Mann.
Sehnse mal, zum Beispiel ick in meiner Bäckerei. Ick hab ja da meine Stammkunden, die jeden
Morgen innen Laden kommen und ihre Schrippen holen. Aber die reichen nicht aus. Die Kunden,
Meine ick, nich die Schrippen. Davon hab ick immer mehr als genug. Nein, der Kundenkreis muss
Erweitert werden. Besonders bei meiner Kundschaft. Alles alte Leutchen, die könn ja kaum noch
Beißen. Und in fünf Jahren ist sowieso Sense. Da kann ick meine Schrippen aufm Friedhof
Verbuddeln. Klingt jetzt vielleicht gemein, aber is doch so. Ick muss an die jungen Leute ran.
Neulich zum Beispiel, da kommt son Müsli-Typ zu mir rein, son Selbstgestrickter und sagt: "Du" - die
Sagen ja zu jedem "Du", möglichst zweimal im Satz, einmal vorne, einmal hinten, zum Beispiel "Du, ich
Bin heut gar nicht gut drauf, du" - der sagt also zu mir: "Du, hast du auch Brot aus biologischdynamischem
Anbau?" Ick sag: "Nee, junger Mann, wir führn hier nur Verseuchtes". Darauf er: "Du,
Das find ich echt nicht gut, du". Na, ick denk an meine Produktstrategie, da muss man ja auch schon
Mal aggressiv werben. Ick stopf dem also quasi eine von meine Schrippen innen Mund, damit er mir
Nich dazwischen quatschen kann, und sage: "Wat heißt hier nich jut? In diesem Brötchen hier is alles
Drin, was drin sein muss: Mehl, Salz, Zucker und vor allem Wasser. Sie sind doch ein gebildeter
Mensch," sag ick zu ihm, "Sie ham doch sicher studiert." Er nickt, und macht "Hm, hm". Mehr kann er
Nich sagen, weil er ja noch immer die Schrippe im Mund hat. Und das ist auch gut so. Ick sag also:
"Dann wissen Se ja sicher auch, dass der Mensch zu neunzig Prozent aus Wasser besteht. Warum
Sollten seine Nahrungsmittel also nicht im gleichen Verhältnis hergestellt werden? In andern
Bereichen der Nahrungsmittelbranche wird ja auch nur mit Wasser gekocht. Nehmen Se doch zum
Beilspiel die Winzer oder auch die Fleischer. Ick sage immer: Det Geheimnis der Wurstherstellung ist
Die Kunst, Wasser schnittfest zu machen. Und dieses Brötchen hier", sage ick und zeig in seinen
Rachen, "dieses Brötchen hat auch einen bleibenden Nährwert. Das tunken Sie morgens in Ihren
Frühstückskaffe, beißen rein, und wenn Sie mittags in die Kantine gehen, dann klebt es immer noch
Am Gaumen."
Er schluckt runter und meint: "Du, ich wollte eigentlich ein dunkles Brot haben aus ungeschrotenem
Roggen, naturbelassen, weißt du!" Ick sag begeistert: "Na, dann nehmen Sie doch unsere Spezialität:
‚Vierschroths Wertkornbrot alles drin'" Er fragt: "Du, was ist denn da drin?" Ick sag: "Alles!" Darauf er:
"Du, kannst du das mal ein bisschen spezifizieren?" Ich sag: "Na, logo kann ick meine Spezialität
Spezifizieren! Passen Se uff, bei uns Bäckern ist der Tag dreigeteilt. Morgens wird gebacken, tagsüber
Wird verkooft und abends wird die Backstube ausgefegt." Er meint: "Du, ich check jetzt nicht, was das
Mit dem Wertkorn zu tun hat." Ick sag "Nu lassen Se mich doch mal ausreden. So läuft also der Tag
Bei uns ab. Und in dieses Wertkornbrot", sag ick und halt es ihm quasi unter die Nase, "in dieses
Wertkornbrot kommt morgens alles rein, was meine Frau am Abend vorher zusammengefegt hat.
Naturbelassen!" Er staunt: "Du, das find ich echt geil", zahlt und geht. "Echt geil", schwärmt er noch
Mal. Na ja, nu fragt sich unsereiner natürlich, was so einen jungen Menschen an meinem
Wertkornbrot sexuell erregt. Aber der Kunde ist bei mir König und kriegt, was ich will. Ick sag ja:
Produktwerbung - hart am Mann.

Written by:

Ulrich Roski