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Wahlsonntag

This song is by Reinhard Mey and appears on the album Farben (1990) and on the live album Mit Lust und Liebe (1991).

Ich freu' mich immer mächtig auf den Wahlsonntag
Denn, was ich an dem Tag so ganz besonders mag
Ist die große Monster-Show, die Fernseh-Live-Diskussion
Mit Vertretern von Regierung und Opposition!
Die strahlen und lachen über beide Schlitzohren
Sie haben diese Wahl zwar wieder haushoch verloren
Aber jedesmal erklären sie mir klipp und klar
Dass sie die wahren Gewinner sind, wie wunderbar!

"Diese Wahl", jubelt der erste, "zeigt uns einwandfrei:
Der Wählertrend geht immer mehr zu uns'rer Partei
Denn die erdrutschartigen Verluste heute liegen nur
An der ungewöhnlich sonderbaren Wählerstruktur!
Und in dem, was Sie da eine Wahlschlappe nennen
Ist der Aufwärtstrend doch überdeutlich zu erkennen
Seh'n Sie, unsere Verluste war'n noch niemals so gut
Der Kurs stimmt, weiter so, dieses Ergebnis macht Mut!"

"Unser Sieg", so bricht es gleich aus einem ander'n heraus
"Sieht nur beim ersten Blick wie eine Katastrophe aus
Vorübergehend sind wir zwar im tiefen Wellental
Aber dieser Tiefpunkt ist wie ein Hoffnungssignal!
Man darf die Wechselwähler nur nicht wegdiskutieren –
Und den Wettereinfluß auf sie aus den Augen verlieren!
Die Massen wollen uns, und das ganz allein zählt
Und wenn nun heut nicht gerade Sonntag wär', hätten sie uns gewählt!"

"Seh'n Sie uns're Hochrechnung mal im Zusammenhang:
Dies ist eine Auferstehung und kein Untergang!
Der totale Stimmenschwund, der zeigt uns doch indes
Einen ganz normalen, segensreichen Schrumpfungsprozess
Sie seh'n ja selber, alle Analysen zeigen:
Die Einbußen sind noch immer ständig im Steigen
Und so gesehen und ganz nebenbei bemerkt
Hat uns diese Niederlage ganz gewaltig gestärkt!"

Und in einem Punkt, da stimmen alle überein:
"Wir können mit dem Wahlausgang zufrieden sein!"
"Wir haben unser Ziel ganz knapp verfehlt, drauf kam es an!"
Ach mit wie wenig man Politiker schon glücklich machen kann!
Denn kommen sie dem Abgrund auch immer dichter
Sie zeigen uns doch immer lange lachende Gesichter
Und geben uns eine Lektion in Genügsamkeit
Das sag' ich hier und heute und in aller Deutlichkeit!