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Frieda und der Wilde Westen

This song is by Hanns Dieter Hüsch and appears on the live album Live (1973) and on the compilation Gesellschaftsabend (2000).

Spoken prose:
Ohne Frieda gehe ich fast kaum ins Kino. Und wenn, dann gehe ich immer in einen ganz hohen Literaturfilm. Aber wenn ich mit Frieda gehe, lesen wir im Kino auf der Leinwand immer folgendes:
"Als die Armee der Südstaaten unter Andy Jackson sich der Yankeeübermacht beugen musste, führten zahlreiche kleine und große Banden der Bürgerkrieg auf eigene Faust weiter und das oberste Gesetz hieß damals für viele: 'Schnell schlafen, aber noch schneller schießen!'. So auch in Dodge City, ein Dorado für Glücksspieler, undurchsichtige Ehrenmänner und durchsichtige Damen."
Als wir die Zeilen gelesen hatten, sagte die Frieda: "Du, den Film haben wir doch schon geseh'n!". "Warte doch erstmal ab!", sagte ich.
"Aber eines Morgens" - so lasen wir weiter - "blieb in Dureas Saloon die Uhr um neun Uhr siebenunddreißig stehen. Ein Fremder hatte den heißen Boden von Dodge City betreten!"
"Siehste", sagte die Frieda, "und jetzt bindet er sein Pferd fest!". Die Frieda hatte recht. Der Fremde band sein Pferd fest und schritt durch die halbe Klapptüre in Dureas Saloon. Dort sagte er: "Wo kann ich Mister Durea finden?". Yvonne de Carlo, die bekannte Buffetdame, sagte: "Mister Durea ist zu seiner Kupfermine geritten.". "Dann sagen sie ihm", sagte der Fremde, "Richard Widmark wäre hiergewesen, vielleicht sagt ihm das was!". Und der Fremde ging zur Tür zurück, drehte sich dort aber nocheinmal um und sagte: "Es wäre besser für Sie, Madame, wenn Sie für einige Zeit hier verschwänden!". "Wäre das nicht besser für Sie, Fremder", sagte Yvonne de Carlo, "bevor Sie hier kalte Füße kriegen?". "Nun Madame", sagte da der Fremde und dabei guckte er schon auf die Straße, "ich habe hier noch etwas zu erledigen!".
"Die beiden kriegen sich!", sagte die Frieda. "Ruhe!", sagte jemand vor uns.
"Guten Tag!", sagte nun auf der Leinwand der einzige Redakteur des Dodge-City-Journals, "Womit kann ich dienen?". "Ich bin Richard Widmark", sagte der Fremde, "und ich möchte, dass sie von mir einen Artikel abdrucken!".
"Der Redakteur wird umgelegt!", sagte die Frieda - und also geschah's.
Ein kleiner Junge sagte auf der Straße zu seiner Mutter: "Ma, wenn Pa mir zum Geburtstag einen Revolver schenkt, dann brauchen wir keine Angst meht vor Mister Durea zu haben, nicht wahr, Ma?"
"Der Junge wird schwer verletzt", sagte Frieda, "kommt aber durch!". Die Frieda kannte sich aus und sagte: "Gib mir deine Hand, dann hab' ich nicht soviel Angst!". "Ist doch alles nur Kino!", sagte ich. "Ja", sagte sie, "aber gleich kommt doch die Postkutsche!". "Ruhe!", sagte jetzt jemand hinter uns.
Tatsächlich sah man nun eine Postkutsche in rasender Fahrt über die Prärie, verfolgt von zwei Reiter, die mit schwarzen Halstüchern maskiert waren. Windy, der alte, ewig unrasierte Postkutscher hieb auf seine Pferdchen und sagte: "Wenn das meine Jenny wüsste, wenn das meine Jenny wüsste, würde sie euch noch vom Himmel aus mit ihrem Henrystutzen zur Hölle schicken!". Das ganze Kino brüllte vor lachen. Aber nicht Jenny vom Himmel, sondern der Femde, Richard Widmerk, schoss von einem Felsen aus die beiden Reiter aus dem Sattel. "Gute Fahrt!", sagte er.
"Alle Achtung!", sagte ich und die Frieda kniff mir in den Arm und sagte: "Bist du noch da?". "Ruhe!2, sagre nun ich und war ganz aufgeregt, denn soeben war Mister Durea im seinen Saloon zurückgekehrt, stand an der Theke und belud sich mit Whisky. Aber fünf Meter hinter ihm stand Richard Widmark und Mister Durea konnte ihn jetzt im Spiegel seh'n und sagte sehr langsam "Ich wüsste nicht, warum ich nicht erst noch ein Gläschen trinken sollte!". Dann drehte er sich blitzschnell um, aber Richard Widmark war schneller und schoss seelenruhig seine Colt völlig leer. Mister Durea machte noch acht Schritte und sagte, bevor er umfiel: "Nicht schlecht, Freundchen, aber deine Mine geht in einer Minute in die Luft!".
"Da schwindelt er!", sagte die Frieda laut. Alle Leute im Kino drehten sich um. Auch Richard Widmark drehte sich etwas um und sagte zu den herumstehenden Cowboys: "Noch jemand eine Whisky!?". "Ich glaube kaum, Sir!", sagte da die Büffetdame Yvonne de Carlo, "Höchstens unser Freund Captain Forrest Tucker, der im letzten Moment mit seinen Soldaten die Mine gerettet hat!".
"Bravo!", jubelte da die Frieda.
Mir war das furchtbar peinlich und ich war froh, als der fremde Richard Widmark nun zu Yvonne de Carlo sagte: "Wie wäre es, wenn wir beide den verletzten Jungen besuchten. Er ist auf dem Wege der Besserung und bringt vielleicht Sie und mich auf andere Gedanken.". "Schon möglich.", sagte Yvonne de Carlo und die beiden stiegen in die Postkutsche des alten Windy, der schmunzelnd sagte: "Wenn das meine Jenny wüsste, sie würde vor Neid vom Himmel springen!".
Ende.
Alle Männer schlugen sich die Kragen hoch und die Damen sahen alle aus wie Yvonne de Carlo. Wildwestdeutschland ging nach Hause. "Männer sind das alles!", sagte ich zu Frieda, "Männer! Wie die alle schon heißen: Richard Widmark, Dan Durea, Forrest Tucker!". "An die Frauen denkst du wohl garnicht!", sagte Frieda. "Nun, Madame", sagte ich, "jeder denkt an seine Komplexe zuerst!". "Soso!", sagte die Frieda, "Nun, das nächste Mal darfst du wieder in einen hohen Literaturfilm gehen, wo die Dialoge immer so stimmen und die Kamera kein Auge zudrückt und immer so die Wirklichkeit einfängt und die Schauspieler garnicht schön und komischerweise deshalb doch schön sind. Und wenn du dann aus dem Kino kommst, weißt du auch wo die Komplexe herkommen und du brauchst dich nichtmehr zu schämen, wenn wir einmal dafür zusammen in einen Wildwestreißer geh'n.". "Ja, Madame!", sagte ich und die Frieda sagte: "Weißt du, manchmal wünschte ich mir, du wärest für mich auch nochmal so ein wildfremder Mann, wie damals, und ich könnte zu dir sagen: 'Schon möglich, Sir!'".