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​Deutsches Sanktus

This song is by Hanns Dieter Hüsch and appears on the live album Eine schöne Gesellschaft (1972).

Freunde lasst uns singen, aber was
Ich habe Menschen gesehen die
Wenn sie ihr Opfer gefunden hatten
Sofort etwas schneller und etwas lauter sprachen
Im Namen des Volkes, im Namen des Vaters
Im Namen der Was-weiß-ich-Revolution

Ich habe Menschen gesehen die sofort etwas schneller
Und etwas lauter sprachen oder vorlasen aus Büchern
Und mit belegter Stimme alles belegten, nur um Sieger zu werden
Die immer etwas mehr wussten und etwas besser wussten als ihre Opfer
Auch wenn es sich um einen Witz drehte

Seht, welch ein Mensch
Wir haben Augen im Kopf
Wir haben gute Augen
Wir haben schlechte Augen
Wir haben Augen die sprechen
Wir können mit anderen Augen sehen
Wir können mit eigenen Augen im Spiegel unsere eigenen Augen sehen
Wir können andere Augen sehen
Wir können Augen machen
Wir können anderen schöne Augen machen
Wir können ein Auge zudrücken
Wir können die Augen schließen
Wir können unsere Augen einen Spalt öffnen
Wir können unsere Augen weit aufreißen
Wir können unseren Augen nicht trauen
Die immer wieder "Jawohl!" sagten, "Jawohl, jawohl!"

In Violinkonzerten ertranken und die restlichen Bilder
Luther Kindheitsbestecke
Hölderlintastaturen
Einfach verbrannten
Einfach sich nicht mehr stören ließen
Und versteinerten

Seht, welch ein Mensch
Wir können uns auf unsere Augen verlassen
Wir haben unsere Augen überall
Ich habe Menschen gesehen
Die sich alles an fünf Fingern ausrechneten -
"Das kann man sich doch an fünf Fingern ausrechnen!"
Sagten sie

Beim Straßburger Münster und beim längsten Fluss Asiens
Und wurden doch ausgesetzt auf getarnte Seelen-Verkäufer
Von denen die etwas lauter und etwas schneller gesprochen hatten
Ich habe Menschen gesehen, die ganz plötzlich aufsprangen
Um etwas zu sagen und sich wieder hinsetzten
Mit schneeweißem Gesicht
Abgeschlagen
Hinterher sich dann heimlich betranken
Die lichterloh durch Kornfelder streiften
Deutschland, die zweigeteilte Dame, auf dem Rücken
Selbst zweigeteilt, sich nicht entscheiden konnten
Und in motorisierten Küchen unter den Tisch fielen
Ohne Unterschrift

Seht, welch ein Mensch
Wir können mit unseren Augen beobachten
Wir haben wachsame Augen
Wir sehen, wie man sich auf dem Bahnsteig begrüßt
Wir sehen, wie man sich auf dem Bahnsteig verabschiedet
Wir können wegsehen
Wir sehen, wie ein Kind langsam einschläft
Wir sehen eine öffentliche Hinrichtung
Wir sehen, wie Rudi Völler in eine Abseitsfalle läuft
Wir sehen den Präsidenten nach einer Operation
Wir sehen Astronauten auf Flugzeugträgern
Wir sehen Schweißtropfen auf der Oberlippe eines Funktionärs
Wir haben Augen im Kopf
Wir sehen, wie Kinder in eine Gaskammer stolpern
Wir sehen mit einem Opernglas 'La Traviata'

Ich habe Menschen gesehen
Aufgeregte mit beschlagenen Brillengläsern
Denen ihr ganzes Wissen zertreten wurde
Erasmus von Rotterdam und die Biologie
Weil sie sich nicht ausdrücken konnten
Mit zitternden Händen

Wir sehen uns vor
Wir sehen uns um
Wir sehen durch jemanden hindurch
Wir sehen das Ganze
Wir sehen das Ganze als Einheit
Wir sehen die Teile als Ganzes
Wir sehen die Teile nur im Zusammenhang mit dem Ganzen
Wir sehen das alles von einer anderen Warte aus
Wir sehen es als Prozess
Wir sehen es als Prozess, der sich ständig abbaut und ständig aufbaut
Wir sehen es als gegeben
Wir sehen es als gegebenes Ganzes, im Zusammenhang mit einem gänzlichen Ganzen
Wir sehen es philosophisch

Seht, welch ein Mensch
Ich habe Menschen gesehen
Die auf dem Boden ihre Schreibunterlagen suchten
Zu Hause alles genau überlegt
Und nun keinen Zusammenhang mehr fanden
Sich immer wieder zusammensetzten
Sich auseinandernahmen und sich wieder zusammensetzten
Und um einen Moment baten - "Einen Moment bitte!"
Große Menschen
Die, wenn sie aufstanden,noch größer wurden
Nicht durch die Tür gingen
Und doch nach drei Worten geschlagen waren
Wie sie zu leise sprachen
Es nicht aushalten konnten und weggingen

Seht, welch ein Mensch
Wir sehen es nicht so schwarz
Wir sehen es mehr grau in grau
Wir sehen es schwarzweiß
Wir sehen es mehr rosa
Wir haben ja Augen im Kopf
Wir können mit den Augen sehen
Wir können unsere Augen schließen
Wir wollen nichts mehr sehen
Wir können nichts mehr sehen
Wir können nicht mehr sehen, dass man unsere Augen zudrückt
Wir brauchen nun nicht mehr zu sehen, was andere dann sehen
Wir sehen dann etwas anderes, was die anderen noch nicht sehen

Seht, welch ein Mensch
Ich habe Menschen gesehen
Wenn sie ihr Gehirn durchwühlten
Fanden sie keinen gültigen Ausweis
Nahmen ihre Mäntel und krochen durch die Straßen
Bis sie verrosteten
In Bahnhofshallen auf Zeitungen saßen
Abgeschlagen und weit hinten
Die auf Züge sprangen, den Spiegel im Kopf
Die Zeit unterm Arm und konkret sagten
Dass es konkret gesehen konkret doch wohl so sei
Freunde, vielleicht können wir uns eine Schnittmuster-Chirurgie erfinden
Und schneiden uns selbst so aus, dass wir passen
Schneiden uns Beine und Finger zurecht
Und sind so entstellt und verschlüsselt
Als Probe Mensch - Liebling der ganzen Nation

Seht, welch ein Mensch
Heiliger Busen - Heiliger Bauch
Heilig, heilig die Arbeitslosen zuhauf
Heilig die Schwätzer
Heilig die Ketzer
Heilig alles, was da schon marschiert
Heilig alles
Bis es dann passiert
Wir werden es ja sehen!
Ihr werdet es ja sehen!
Wir werden es ja sehen!

Written by:

Hanns Dieter Hüsch