FANDOM

1,953,432 Pages

StarIconBronze
LangIcon
Wieder Eine Nacht

This song is by Hannes Wader and appears on the album Der Rattenfänger (1974).

Wieder eine Nacht, eine von den viel zuvielen
In denen mal wieder der Schlaf nicht kommen will
Und, wie schon so oft, ziehts dich gegen deinen Willen
In die dunklen Straßen ohne ein bestimmtes Ziel
Und achtlos stößt du so, als wenn es ein Papierknäuel wär
Mit den Füßen eine tote Taube vor dir her
Die Mädchen stehen wartend an der Mauer bei der Bahn
Sie kennen dich und sprechen dich schon lange nicht mehr an
Der Mann dort hält sich im Schatten, tut als wenn er liest
Und traut sich erst heraus, wenn dein Schritt verklungen ist

Manche, die dir hier begegnen sind dir ähnlich, sind allein
Manche weil sie Niemand haben, And're woll'n alleine sein
Und sie sehen dich nicht an, tasten sich an dir vorbei
Und verbergen doch ihr Mistrau'n, ihre Angst nur schlecht dabei
Als wenn ihre Einsamkeit schon ein Vergehen sei

Und in jeder Bar siehst du nachts auf deinen Wegen
Viele fremde Männer, volle Gläser in der Hand
Sie wollen ihren Kopf nicht auf den Fettfleck legen
Der, über jedem schäbigen Hotelbett, an der Wand
Von den Köpfen vieler hundert and'rer Männer stammt
Die vor ihnen hier lagen und wie sie dazu verdammt
So trinken, dass die Barfrau ein Wort mit ihnen spricht
Mit der sie sich nicht zeigen würden, nicht bei Tageslicht
Auch sie weiß das genau, ohne dass sie es verrät
Doch sicher lässt sie keinen von ihnen in ihr Bett

Manche, die dir hier begegnen sind dir ähnlich, sind allein
Manche weil sie Niemand haben, And're woll'n alleine sein
Und sie sehen dich nicht an, tasten sich an dir vorbei
Und verbergen doch ihr Mistrau'n, ihre Angst nur schlecht dabei
Als wenn ihre Einsamkeit schon ein Vergehen sei

Und beim Pissoir, wo die Stricher wieder warten
Unter Büschen, Bäumen, die du nie so düster sahst
Drehst du dich gleich wieder um und meidest diesen Garten
Weil du noch von früher her ein Bild vor Augen hast
Den schwulen Alten, morgens früh im Stiefmütterchenbeet
Den Schädel eingeschlagen und auf den Bauch gedreht
Sein Hirn schon in der Nacht von den Blumen aufgesaugt
Lag er ohne Hose da, ganz mager ausgelaugt
Von einem Leben voller Elend, wie sein Tod so grau
Und sein Toupet hing noch im Dornbusch, feucht von Blut und Tau

Manche, die dir hier begegnen sind dir ähnlich, sind allein
Manche weil sie Niemand haben, And're woll'n alleine sein
Und sie sehen dich nicht an, tasten sich an dir vorbei
Und verbergen doch ihr Mistrau'n, ihre Angst nur schlecht dabei
Als wenn ihre Einsamkeit schon ein Vergehen sei

Auch im Wartesaal dösen jetzt betrunk'ne Männer
Reden mit zu selbst, immer nur den gleichen Satz
Auch du setzt dich an den Tisch zu jenem Wehrmutpenner
Der findet jede Nacht hier seinen warmen Platz
Frische Narben, tagealter Schmutz verdecken fast
An seinem Handgelenk die Tätowierung aus dem Knast
Vornüber auf den Tisch gesunken, wie die meisten hier
Den Kopf in einer Lache von Rotwein, Rotz und Bier
Du fragst dich wie er so verbogen, eingekrnickt und krumm
Noch schlafen kann und du beneidest ihn darum

Manche, die dir hier begegnen sind dir ähnlich, sind allein
Manche weil sie Niemand haben, And're woll'n alleine sein
Und sie sehen dich nicht an, tasten sich an dir vorbei
Und verbergen doch ihr Mistrau'n, ihre Angst nur schlecht dabei
Als wenn ihre Einsamkeit schon ein Vergehen sei

Du sitzt da und fängst nach und nach selber an zu träumen
Siehst dich als kranke Taube, die sich kaum noch regt
Hast dich, fernab von Luft und Sonne und von hohen Bäumen
Im Luftschacht eines Hauses zum sterben hingelegt
Und aus den tristen Fensterlöchern über deinem Grab
Fall'n Auswurf und Gestank pausenlos auf dich herab
Geräusche hörst du, während deine Lebenskraft verinnt
Von denen röcheln, spucken, fluchen nicht die schlimmsten sind
Doch ganz hoch über dir kannst du ein helles Viereck seh'n
Ein Stück Himmel, ein Stück Hoffnung, schon bewegst du deine Zeh'n
Stehst auf, schlägst mit den Flügeln und erwachst bei dem Versuch
Dich hochzukämpfen zu dem Fleck, der Leben heißt für dich
Der doch nur aussieht wie oft benutztes Taschentuch

Manche, die dir hier begegnen sind dir ähnlich, sind allein
Manche weil sie Niemand haben, And're woll'n alleine sein
Und sie sehen dich nicht an, tasten sich an dir vorbei
Und verbergen doch ihr Mistrau'n, ihre Angst nur schlecht dabei
Als wenn ihre Einsamkeit schon ein Vergehen sei

Written by:

Hannes Wader

External links