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Die Kunst, Andersmeinende für den Sozialismus zu gewinnen

This song is by Dieter Süverkrüp and appears on the album Süverkrüps Hitparade (1970) and on the compilation album Süverkrüps Liederjahre (2002).

Also, das machen wir so, Genossen
Wir argumentieren streng sachlich, Genossen
Beginnen in freundlichem Ton!

Wir sagen: "Sie reaktionäres Arschloch!", zum Beispiel
Oder: "Hör mal, du alter Gelegenheitsficker!"
Das steigert die Komm'nikation!
Nur so! kann der Partner verunsichert werden
Nur so! kann Politisches grundsätzlich werden
Wie uns die vergangenen Erfahrungen lehren
Und das gilt für jeden Fall, wo einer uns vors Sprachrohr rennt!

Nehmen wir mal an, kommt ein Hüttenarbeiter
Nachtschicht aus, abgeschlafft, grau undsoweiter
Das trifft sich gut
Dieser Mann hat ein ganz genuines Bedürfnis nach kühner Gedanken gewaltiger Ebbe und Flut!
Wir machen keinerlei Umschweifungen und legen die Agitation sehr breit an
Und nehmen nicht falsche Rücksicht auf Sorgen um kleinlichen Kleinbürgerkram!
Was sollen uns Arbeitsplatz-, Raten-, Umschulungs-, Lohn- und Gewerkschaftsklagen?
Die objektiven Verhältnisse werden verschleiert durch solcherlei Fragen!
Durch Massenmedien ist heutzutage jedwede Meinung gelenkt
Drum heißt, unser erstes Gebot: Ignorieren, was der Mann denkt
Weil, es ist sowieso falsch!

Hier setzen wir an mit Aufklärungsarbeit, an der Basis
Der Mann muss wissen, was wirklich los ist
Wie kann er's erfahren? Wir sagens ihm einfach einmal
Einmal muss reichen!
Spontan kommt ein Lernprozess im Gang
Innerhalb weniger Sekunden denkt der Mann grundsätzlich um
Widebumm!

Wetten?

Neue Phase: Außeinandersetzung im Weltmaßstab
Frage: "Was tust du für den Klassenkampf in Angola?"
Gähnende Betroffenheit. Nachstoßen mit qualifizierter Information
"Du bist ja längst integriert, wie die anderen Scheißtypen auch
Euer Lohnkampf festigt das System der Ausbeutung nur noch mehr!
Kühlschrank und Auto sind euer Judaslohn für gemeinen Klassenverrat
Begangen von dir und deinesgleiche an euren revolutionären Kumpels in der Dritten Welt!
Was folgt daraus?
Das Proletariat muss wieder hungern! Vorher gibts keine Revolution!"

Darüber wird er sich gewiss sehr herzlich freuen, das macht die Augen schuppenfrei!
Runter mit dem Grauschleier! Vom Blitzschlag defrustriert
Der Mann ist jetzt bereit auszusteigen aus dem Produktionsprozess
Zu vergesellschaften Weib und Kinder, zu erwerben eine Maschinenpistole -
Vor uns steht ein frischgebackener revolutionärer Voluntär!

Übergang in die dritte Phase:
Ideologische Vertiefung, Ziel: die Reifeprüfung!
Aus zerwühltem Boden schießt steil die Frage empor'
"Was is'n das eigentlich, Sozialismus?"

Unsere schlagfertige Antwort kann nur theologisch sein:
"Konsum ist Scheiße und zwar grundsätzlich
Wird im Sozialismus konsumiert, ist das eben auch Scheiße!
Konsum ist Terror, also Faschismus
Arbeit, besonders geteilte, ist Repression
Die moderne Industriegesellschaft daher inhuman!"

Wir sagen mehrfach "Marx", denken aber "Dahrendorf" und "Galbraith"!
Wir holen weiter aus, nehmen die unverblümte Suppenterine und geben hinein:
Gewerkschaftsführer von links bis rechts, nebst Industriebund
Flick und Brenner, Bankherren, Sozis, Nazis, Kommunisten, DDR und Bundeswehr -
Umrühren, stehen lassen, eiskalt servieren, als "Establishment"
Blitzscharfe Lösung und hält den Blick frei auf das Wesentliche:
Den wahren Sozialismus!

"Du fragst noch immer, was das ist?
Lieber Genosse! Nun begreif doch endlich mal den Sozialismus als Leerformel!
Offen nach allen Seiten!
Was wir da einestags reinfüllen können, das diskutieren wir aus, wenn wir können -
Wir sind noch so wunderbar jung!
Bedenk:
Nur Kleinbürgern sehnt es, sich festzulegen!
Wir sind gegen Orthodoxie deswegen
Denn davon kommt keiner in Schwung!
Wie soll man da noch Utopie konzipieren?
Wir wollen das Establishment unterminieren
Wir wollen ja eben gerade nichts etablieren -
Und vor allem nicht den Sozialismus!
Haste das kapiert?"

Selbstsolcher Vorgang wart übergetitelt
'Wie man den Leuten Bewusstsein vermittelt'
Wenn die nun wörterlos weggehen und mit dem Bewusstsein nicht selber was anfangen können
Dann ist das nicht unsere Schuld!
Angenommen, so einer schlägt das Briefchen vom Hasche aus
Weil er den Blick auf das Wesentliche einfach nicht kriegen will
Angenommen, er wirft gar mit Maulschellen herum
Dann ist das alles doch nur ein weiterer Beweis dafür
Dass die Arbeiterklasse aufgehört hat, eine revolutionäre Kraft zu sein -
Oder?

Credits

Written by:

Dieter Süverkrüp

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